Uta Serwuschok / 13. Mai 2009
Also schufen wir einen Briefkasten
Ich nenne ihn ab jetzt Petti. Nur „Briefkasten“ klingt langweilig. Petti ist der Briefkasten des Petitionsausschusses des Bundestages. Sozusagen der Kummerkasten der Nation. Petti hat meine Freundin Ellen entworfen und gebaut. Und Ingolf bekam ihn als Spielpartner. Petti und Ingolf wurden sozusagen ein Paar. Wenn auch nur für drei kleine Nummern. Aber heute wissen wir, dass das Kunstmittel Puppe und Spieler sehr reizvoll ist und so sehe ich das als Anfang einer neuen Farbe in unseren Programmen.

Das ist unser Pärchen.
Aber Petti ist nicht nur für Ingolf da. Nein, wir hatten nun die Aufgabe auf verschiedene Weise, als unterschiedliche Figuren, Briefe einzuwerfen. Beschwerden, gerichtet an den Petitionsausschuss.
Zwei Wege dienten dazu.
1. Wir warfen sie ein und lasen sie vorher vor.
2. Sie wurden nur eingeworfen und fanden ihre Auflösung am Schluss.
Genau diese aber machte mir zu schaffen. Meine Sorge war, dass dieses an das Theater angelehnte Mittel nicht mit der Kabarettbühne zu vereinbaren sei. Zu zäh. Zu oft verwendet im Programm. Haben die Leute wirklich Lust, eine solch durchgängige Idee aufzunehmen? Im Kabarett, liebe Zuschauer, geschieht vieles im Sekundentakt. Längen sind tödlich. Sie malen Langeweile auf die Gesichter des Publikums. Kabarett braucht immer neue Impulse, Pointen. Action! Denn wir sind ja kein Theater. Und überhaupt standen bislang an dieser Stelle der Programme Medleys. Immer Medleys. Musik, schwungvoll, zum Mitsingen. Und nun Briefe. Sprechtexte. Nicht zum Mitsprechen. Ich war unsicher und verzweifelt. Dennoch, es funktionierte. Aber erst, nachdem wir uns gründlich mit Rhythmus und Betonungen der Briefe auseinander gesetzt hatten.
Am Schluss des Programms, wenn vier Briefe hintereinander gespielt werden, habe ich immer noch Annes Anweisungen im Ohr: „Briefe klar auf Inhalt sprechen. Ihr müsst Druck machen bei den Abgängen. Wenn der eine fertig ist, muss der andere schon auftreten. Keinen Beifall abwarten.“ Sag mal einem Kabarettisten, er soll keinen Beifall abwarten. Sie hatte Recht. Heute freue ich mich auf diesen ungewöhnlichen Schluss.
Und zugleich schufen die Briefe ein neues Verhältnis von mir zur Regisseurin. Ich begann nämlich zwei Briefe während der Proben neu zu entwickeln. Ich schrieb für Moni eine Lyrik und erspielte mir die Putze im Pflegeheim, die Yvetta Hridlitschka.

Yvetta
Sich hinzustellen, und einfach ein Angebot zu machen, erfordert eine gute Stimmung, ein Vertrauensverhältnis zwischen Spieler und Regisseur. Auf Yvetta Hridlitschka bin ich besonders stolz, denn ich schuf da eine Figur, die ich mir vorher nie zugetraut hätte. Plötzlich sprach ich so etwas wie Tschechisch. Wenn man das so sagen kann. Und ich konnte mit größter Naivität bitterböse Dinge erzählen. Ein Glück, dass ich Anne nicht umgebracht habe. Yvetta Hridlitschka verkörpert schwarzen Humor. Und bewegt sich am Rande eines Tabus.

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