Kabarett-Ensemble SanftWut

Uta Serwuschok / 01. Mai 2010

Freunde News

Wann wir feiern Seit an Seit – Gedanken zum 1. Mai

Damals, in der DDR, als der 1. Mai noch der Internationale Kampftag der Werktätigen war, hatte ich nie das Gefühl von Kampf. Ganz im Gegenteil. Wir versammelten uns alle frühmorgens am Ring und witzelten über die Genossen, denen wir zujubeln sollten. Haben wir auch gemacht und war einer auf der Tribüne, den wir kannten, grölten wir fröhlich zu ihm “Huhu”. Mit Ehrfurcht war da nicht viel.

Nein, wir haben diesen Tag nie als ein Tag zur Huldigung der Funktionäre und der Idee des Sozialismus wahrgenommen. Für mich zum Beispiel war es der Tag des schönsten Beisammenseins mit Freunden. Wir haben gebechert, gegrillt und genossen (auch mit Genossen) den freien Tag. Selbst wenn das Wetter nicht immer mitspielte. Machmal war alles Grau in Grau wie heute. Aber wenn wir Glück hatten, schien wie verrückt die Sonne. Dann war Halligalli angesagt. Keine Sau dachte daran, zu kämpfen. Höchstens mit den Prozenten im Alkohol. Wir saßen im Freien und fühlten uns gut.

Ein erster Mai blieb mir besonders in Erinnerung. Es war ein traumhafter Frühlingstag. Strahlender Sonnenschein von Anfang an. Nach der Jubeldemo gingen wir als großer Freundeskreis in den Innenhof der Leipziger Pfeffermühle, die damals  im Thomaskirchhof war. Wir hatten noch DDR-Zeiten und dennoch waren wir eine fröhliche Schar von Erwachsenen und Kindern. Ein Mädchen, mit dem märchenhaften Namen Marie, sorgte dafür, dass dieser erste Mai unvergesslich wurde.

Wir saßen ab 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr im Innenhof, es war traumhafte Stimmung und über Tische und Bänke sprangen die Kinder. So gegen 17.00 Uhr brachen die ersten Freunde auf und sammelten die “Kleinen” ein. Auch Marie wurde gerufen. Ihr müsst wissen, sie war so schön wie ein Püppchen. Sie hatte damals schwarze, lange Locken und strahlte uns fortwährend an. Plötzlich war sie verschwunden. Es dauerte nur 5 Minuten, bis die fröhliche Runde in allen Ecken der Pfeffermühle nach dem Mädchen suchte. Marie blieb weg. Es entstand Panik. Alle rannten wir nun raus, wir teilten uns die Reviere auf und suchten in der Innenstadt. Wenn wir uns wieder trafen, war nur die blanke Enttäuschung auf den Gesichtern. 

Irgendwann sagte jemand: “Wir müssen die Polizei verständigen.” 

“Wartet mal”, sagte Matthias Schwarzmüller (von allen Matsel gerufen), der Vater von Marie. “Die ist bestimmt allein nach Hause gelaufen.” Keiner glaubte , dass eine vierjährige kleine Maus sich in Richtung Listbogen allein bewegen und dort unversehrt ankommen kann. Aber Matsel blieb ruhig. Er ging mit seiner, inzwischen blass gewordenen, Frau Elke und dem Sohn Max gelassen gen Heimat.

Am Abend erfuhren wir dies: tatsächlich hat sich Marie allein auf die Strümpfe gemacht. Offensichtlich dauerte ihr das Sammeln der Erwachsenen zu lange und da ging sie schon mal vor … Am Ring aber wurde es ihr unheimlich und da sie nicht auf den Kopf gefallen war, hielt sie einen Mann an und sagte zu ihm: “Ich weiß wo das ist, aber Sie müssen mich über die Straße bringen.” Für Marie war es absolut  in Ordnung, dass sie plappernder Weise bei einem fremden Mann an der Hand nach Hause lief. Und so wartete sie völlig entspannt vor der Wohnungstür bis die aufgelöste Mutter sie wieder in die Arme nahm.

Diese Eigensinnigkeit hat Marie sich bis heute erhalten. Und wenn sie zu uns ins Kabarett kommt, dann denke ich zuerst immer an dieses schwarzgelockte, schöne Kind, das auszog, den Erwachsenen das Fürchten zu lernen. Es war der 1. Mai 1987.

Wenige Jahre später politisierte sich das private Leben der DDR-Bürger dramatisch und es wurde die Wende in unser aller Biografien eingeleitet. Aber die Erinnerung an vergangene Zeiten trägt immer  sehr menschliche Züge.

Der 1. Mai ist bis heute ein Tag der Grillfeste und ein Tag für Freunde und all jene, die wir lieben. Das hilft im Kampf um Mindestlohn und fairem Umgang mit allem, was uns kostbar ist. Wie heißt es in einem Kampflied so schön: “Wann wir feiern, Seit an Seit…”

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Kommentare

Thomas schrieb am 3. Mai 2010 um 09:45 Uhr

Der Mai ist für mich der schönste Monat des Jahres. Das Wetter wird immer angenehmer, die Tage länger und die Natur kommt so richtig in Schwung.
Ja, und wie jeder Monat hat auch der Mai einen Ersten, aber eben einen Besonderen: einen freien Tag.

Kampftag der Werktätigen? Nee, gekämpft haben wir damals auch nicht. Aber an das Jahr 1987 kann ich mich auch noch gut erinnern. Es war der erste 1. Mai in meiner Studentenzeit in Dresden und es war ein Freitag. Das bedeutete ein langes Wochenende Tun und Lassen was man wollte. Naja, nicht ganz: am Anfang war die Pflichtübung: die obligatorische Demo.

In Dresden gibt es die Budapester Brücke, damals mit nummerierten Straßenlampen. Dort wurde gesammelt und formiert. Es hieß also: “Wir treffen uns auf der Brücke an Funzel Nummer sowieso” und jeder wusste Bescheid. Dann ging es mehr oder weniger flott durch ein paar Straßen vorbei an der Tribüne mit den Genossen – ich glaube in der damaligen Ernst-Thälmann-Straße – und schon war der ganze Zirkus vorbei. Der angenehmere Teil des Tages konnte starten.

In Dresden gab es damals viele Wiesen, die bestens dafür geeignet waren, zusammen mit Freunden inklusive Bier und Bratwurst schön abzuhängen. Heute würde man wahrscheinlich sagen: Relaxen. Außerdem es gab etliche tolle Studentenclubs in der Stadt für die späteren Stunden. Ach war das Leben schön!

Und so kam es dann, dass ich in einem solchen Club am Sonnabend, also dem 2. Mai abends gegen 9 Kerstin kennenlernte. Der nachfolgende Sonntag gehörte dann ganz uns, also Kerstin und mir. Wir sind an diesem Tag das erste Mal zum Wandern in die Sächsische Schweiz gefahren, nicht sehr weit, denn das Wetter war da nicht so toll, aber schön war es trotzdem.

Tja, so war das damals Anfang Mai im Jahre 87, eine großartige Zeit, an die wir uns gern erinnern.

Schöne Grüße
Thomas

Uta-Moni schrieb am 3. Mai 2010 um 09:54 Uhr

Lieber Thomas, das ist eine sehr schöne Geschichte und so wahr! Wie sich die Dinge so fügen und ihr seid immer noch zusammen. Herrlich! So kreuzen sich auf wundersame Weise unsere Wege.
Übrigens war ich gestern im Gewandhaus zum 25jährigen Bestehen des Jugendsinfonieorchesters und habe ein berührendes Konzert erlebt. Aber vorher und in der Pause sprachen mich Leute auf diesen Blogeintrag an. Irgendwie hat es die Menschen offensichtlich, wie ja auch euch, an ganz persönliche Erlebnisse erinnert. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Ich werde meiner Englischklasse von eurer Romanze erzählen. Wirklich süß. Sag deiner Kerstin ganz liebe Grüße von mir.
Im Namen aller Sanftwütigen, eure Uta

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