Kabarett-Ensemble SanftWut

Uta Serwuschok / 08. Mai 2010

Erinnerungen

Was hat “La Traviata” auf dem Züricher Hauptbahnhof mit 20 Jahre Sanftwut zu tun?

1992 hatten wir ein Entree, das die Liebesarie der Violetta aus “La Traviata” auf die kabarettistische Schippe nahm. Besser gesagt, wir benutzten die Oper mit ihren großen Gesten für unser Gaudi. 

Damals kam Margitta Erler, zu Beginn des Programms “Gunst ist Waffe”, auf die Bühne und sang: “Alfred, ach Alfred, der du mir nahe …”  Sie meinte einen Sponsor, einen französischen Gemüsehändler. So ging es im Text weiter mit “Alfred, du mein Brokkoli. Alfred, du mein Arti… Artischockoli.”

Das Publikum freute sich über diesen Einstieg.

Warum komme ich darauf? Heute fielen zwei Dinge zusammen. Ich hielt zum einen das völlig verstaubte und vergammelte Textbuch in der Hand. Es ist mit Schreibmaschine geschrieben, hat Eselsohren und ist voll gekleckert mit Kaffeeflecken. Wer weiß, was dieses Textbuch mitmachen musste. Und zum anderen sah ich jetzt zufällig eine Inszenierung von “La Traviata” im Fernsehen. Es war eine Aufzeichnung vom September 2008 und wurde im Rahmen der Europäischen Operntage wiederholt.

Was war das Besondere? Der Spielort! Die Oper wurde aufgeführt im Züricher Hauptbahnhof. Reisende, Opernliebhaber und heimatlose Seelen konnte ein außergewöhnliches Kunstexperiment erleben. Wer immer auf der Durchreise war, war plötzlich mitten drin in der Oper. 

Ehrlich, ich schaute wie gebannt auf die Szenerie und konnte mich nicht satt sehen, wie große Stimmen und beeindruckende schauspielerische Leistungen dargeboten wurden, während daneben einer telefonierte und sein Handy in den singenden Chor hielt, um wohl den Lieben Daheim zu beweisen, welch historische Aufführung er da gerade erlebt. Große Arien waren in ihrer Alltäglichkeit angelegt. Violetta singt von ihrer Liebe, während sie auf einem Gepäckwagen durch die Gegend fährt.  Alfredo fährt mit dem Zug ab (vermutlich nur bis zum nächsten Abstellgleis) oder die beiden Liebenden sitzen vor einem Bistro. Und immer um sie herum die staunende Menge. 

Nun könnte man sagen, das ist Effekthascherei. Uta-Moni sagt: NEIN. Das war es nicht. Dahinter steckt ein sehr einfacher Gedanke, den viele Leute auf dem Bahnhof bei Interviews bestätigten: “Wenn die Leute nicht zur Oper gehen, dann geht die Oper zu den Leuten.” Aber man könnte das an die Wand fahren. Diese Inszenierung macht das nicht, weil sie etwas sehr Kluges tut. Die klassischen Arien bleiben klassisch schön. Der Chor bleibt stimmgewaltig und das Orchester bleibt ein großartiger Klangkörper. Man hat sogar den Eindruck, dass hier noch viel intensiver an Perfektion und Stofftreue gearbeitet wurde.

Das Bild, was die Inszenierung uns vermittelt, ist das, was wir sonst im Leben, wie zum Beispiel auf dem Bahnhof, nicht beachten. Wie oft sehen wir Liebespaare, die sich küssen, aber was wissen wir von ihrem persönlichen Glück oder Schicksal? Muss der Mann, der schnell noch einen Kaffee im Pappbecher am Bistro einkauft, das immer für seine Frau tun? Hört er auf ihr Kommando oder helfen sie immer einander? Was tut sich in unseren Herzen? Wer sind wir, die wir gemeinsam auf einen Zug warten, der uns in eine Richtung bringt?

Unter den Massen von Menschen findet plötzlich eine konkrete Geschichte statt und die Reisenden, die wir alle sind, halten inne. Sie bleiben stehen, hören und sehen. Kein bisschen in Galakleider. Das Publikum trägt Anoraks, Jeans, in die Jahre gekommene Mäntel. Eigentlich eine graue Masse. Aber dann zeigt die Kamera in die glücklichen Alltagsgesichter: eine Frau wischt sich bei der Liebesarie von Violetta und Alfredo die Tränen weg und ein Paar, das gerade vom Bahnsteig kommt, latscht einfach durch. Aber die Sänger sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Das ist ganz hohe Kunst und der Erfolg gibt den Machern dieses Experiments Recht.

Während der Aufführung erreichen das Schweizer Fernsehen( als Produzent) viele Mails und Anrufe aus der Bevölkerung. Am schönsten fand ich eine, die von einem 63jährigen Mann kam. Er gab zuerst sein Alter an und schrieb, dass er noch nie ein so berührendes Kunsterlebnis hatte. Mir ging das heute ähnlich.

Zum Schluss muss man sagen, dass besonders der junge Dirigent des Orchesters ganz witzig aussah. Er hatte nämlich die ganze Zeit auf seinem ziemlich schmalen Kopf ganz große Kopfhörer auf. Sehr lustig und sehr jung in seiner Wirkung.

So erlebte ich heute  ”La Traviata” und dachte mir, auch wir brachten einmal diese Oper zum Volk. Was macht es, dass unser  Alfred  ”nur” ein Gemüsehändler war? In der Erinnerung ist er bedeutend. Denn diese Nummer stand am Anfang einer nicht unbeträchtlichen Karriere eines Kabaretts Namens SANFTWUT.

Kommentare

keine Kommentare

Kommentar schreiben