Uta Serwuschok / 08. Aug 2010
Erinnerungen Kabarett zum Brüllen
Sommer 1990 – die ersten Schritte
Es war wenige Tage vor der Währungsumstellung.
Susi, Thomas, Ingolf und ich, wir fuhren gen Ostsee, um Urlaub zu machen und in einigen FDGB-Heimen einen musikalisch-literarischen Abend zu gestalten. Der sollte nicht länger als 30 – 45 Minuten dauern. Also trugen wir vorher ein paar Lieder und Gedichte zusammen und nahmen die Dinge sehr gelassen. Wir machten uns auf den Weg.

Menschen – Möwen – Marotten
Ingolf und ich, wir düsten in unserem neuen Trabant die Autobahn lang. Wir gehörten zu jenen DDR-Bürgern, die kurz vor der Wende diese “Pappe”, wie sie später scherzhaft genannt wurde, “zugeteilt” bekamen. Meistens gaben wir Ossis den Dingen, die uns lieb waren, Namen. Und so tauften wir unseren Trabbi auf den Namen “Walli”. Es war der erste Sommer in unserem Leben, wo außer “Wartburgs” und “Trabbis” noch andere Autos am ostdeutschen Straßenverkehr teilnahmen: “BMWs”, “Fords” oder Zitronen, wie wir Sachsen den “Citroen” nennen.
Nun müsst ihr wissen, dass Ingolf zu jenen Menschen gehört, die an jeder Kreuzung, selbst auf einer Dorfkreuzung, Erster sein müssen. Das liegt in den Genen. So begab es sich also, dass auf der Autobahn auch ein Porsche fuhr. Noch lag Ingolf mit Walli hinter ihm. Aber nicht mehr lange. Wenn es ein bedeutendes Wendeereignis gab, dann das, wie Ingolf mit dem fettesten Grinsen der Welt diesen Porsche überholte. Und ich sag euch, selbst bei 14 Tage Regenwetter wäre dieses Grinsen nicht von seinem Gesicht gewichen. Aber wir hatten einen Traumsommer.
Auch der Tag der Währungsunion war sonnig. Doch schon 24 Stunden später trübten sich die Gesichter der Urlauber und unsere natürlich mit. Denn schlagartig wurde alles teuer. Eine Bowu (Bockwurst) kam jetzt nicht mehr 0,85 Mark der DDR, sondern kostete weit über eine D-Mark. Ein Drama, denn die D-Mark war ja für uns bisher etwas Besonderes. Nun wurde sie das Währungsmittel, mit dem wir teure Brötchen, Mieten usw. bezahlen mussten. Ganz schnell bekamen wir eine Ahnung davon, was Marktwirtschaft heißt. Eine ganz angesagte Kneipe, die vor Mitternacht des 1. Juli 1990 noch voll besetzt war, war plötzlich an Abenden leer. Es hätte auch unsere Auftritte mit leeren Sälen erwischt, wäre unsere Freundin Elke Höhnemann, die das alles organisierte, nicht so clever gewesen, diese Auftritte mit im Paket für die Buchungen zu verkaufen.
Aber erst mussten wir noch eine Kröte schlucken. Denn Elke hatte uns auf allen Plakaten als Kabarett angekündigt, weil wir ja ursprünglich vom Amateurkabarett “Die Spitzhacken” kamen. Also kramten wir in unseren Köpfen nach möglichen Kabaretttexten und schrieben sogar einige neu. Es wurde Arbeit. Aber sie lohnte sich.
Wir hatten schöne Abende und die allererste Spielstätte sei genannt: es war das damalige FDGB-Ferienheim “Edgar André” in Heringsdorf. Dort fand die erste Vorstellung mit dem Gründerensemble Susan und Thomas Störel, Uta und Ingolf Serwuschok statt.

Das Gründerensemble von 1990 heute: Susi, Thomas, Uta und Ingolf
Doch dieser Sommer unserer Gründung hatte noch ein anderes großes Ereignis im Gepäck. Susi und Thomas fuhren nicht allein nach Heringsdorf. Sie hatten ihre kleine Tochter Henriette mit. Ihr müsst wissen, Henriette war ein besonders süßes Baby. Als sie noch ganz winzig war und von ihren Eltern in einer Babytasche zu einer Party mitgebracht wurde, staunten alle über das kleine Wesen und einer in der Runde sagte: “Die ist aus dem Shop (Intershop)!”
Henriette war also mit dabei und beschäftigte uns auf wunderbare Weise. Sie krabbelte durch ihre kleine Welt und hatte immer Neues zu entdecken. Dann aber kam innerhalb des Urlaubs ein sehr bedeutender Moment: Thomas spielte mit Henriette auf einer Wiese der Heringsdorfer Strandpromenade. Ich kam dazu und plötzlich steht Henriette auf und macht die ersten Schritte ihres Lebens. Bis zum heutigen Tag sehe ich sie mit ihren wackligen Beinen auf mich zukommen. Und ebenso wenig vergesse ich das strahlende Gesicht ihres Vaters. Und so ist der Sommer 1990 nicht nur ein Sommer, von dem wir sagen: Wir haben uns da gegründet.
Treffender ist zu sagen: 1990 ist das Jahr, in dem wir Sanftwütigen und ein kleines Mädchen, Namens Henriette, laufen lernten.
Und weil es so schön war, entstand zu jener Sommerzeit die zweite Tochter: Margarete. Sie erblickte dann im Frühjahr 1991 die Welt.
Seeluft macht eben Appetit auf MEER !
PS: Die Moni sagt zum Jahr 1990: Eigentlich hätte Westdeutschland von der Erdkugel wegkippen müssen. Denn alle Ostdeutschen waren ja dort versammelt, um zu gucken, wie das im Westen aussieht. Also, bei einer Waage, wäre der Westteil nach unten geklatscht und die restlichen Ossi, die geblieben waren (Rentner, Behinderte, Kabarettisten) hätten in der Luft gehangen. Aber der Manni sagt, weil die Erde uns liebt, würde sie uns mit ihrer Anziehungskraft festhalten.

Kommentare
Thomas schrieb am 9. August 2010 um 20:02 Uhr
Naja, ich glaube nicht, dass sich Ingolf allzuviel darauf hätte einbilden sollen, in der Zeit kurz nach der Wende auf einer Ossi-Straße ‘nen Porsche zu überholen. Ich denke mal, da drin saß ein mutiger, oder vielleicht auch übermütiger Wessi auf seinem ersten Adventure-Trip in den Wilden Osten, der nun eher Angst hatte, dass ihm die Kotflügel davonfliegen, als dass er Wert darauf gelegt hätte, Erster zu sein. Gestandene Ossis mit Rennpappe und Erfahrungen angesichts der damaligen Straßensituation waren doch da eindeutig im Vorteil, oder nich’?
Bleibt bloß noch zu hoffen, dass Ingolf trotz seiner Gene mit dem Alter auch an Reife gewonnen hat und nunmehr auch mal Zweiter sein kann. Ich jedenfalls habe es lieber, wenn besonders Eilige vor mir fahren statt hinter mir. Dann kann ich besser sehen, was diese tun; dass ist sicherer, vor allem für mich.
Allzeit gute Fahrt wünscht Euch allen
Thomas
Uta-Moni schrieb am 10. August 2010 um 10:11 Uhr
Lieber Thomas, das ist schön, dass du uns wieder schreibst. Ich werde Ingolf auf deinen Kommentar aufmerksam machen. Aber weißt du, was besonders lustig ist? Es gibt Städte und Gemeinden im Westen, die nun fordern, dass wir Ostdeutschen den Solizuschlag allein zahlen, bzw. dass ihnen (den Gemeinden) das Geld allein zur Verfügung gestellt wird. Begründung: die im Osten haben jetzt schöne Straßen und die im Westen sind (durch uns?
) ruiniert.
Ingolf fährt nur noch ganz wenig Auto. Er ist längst auf das Fahrrad gewechselt und radelt leidenschaftlich gern durch die Natur. Meist durch Flussauen und Wälder . Da gibt es ja keine Kreuzungen.
Sag deiner Kerstin liebe Grüße.
Danke für den Kommentar. Deine Sanftwütigen