Uta Serwuschok / 19. Aug 2010

Erinnerungen Kabarett zum Brüllen

Die erste eigene Sanftwut-Komposition

1990 schrieb Thomas die erste Komposition zu einem Lied, das den Titel trägt: “Wind, Wind lieber Wind”. So nannten wir es damals und so steht es auch auf der alten, kleinen Tonkassette, die ich vor zwei Tagen zu unserem Tontechniker Thomas Hauf trug und die ich nun von ihm “aufgehübscht” in den Blog setzen kann.
Es singen Susan Störel und Uta Serwuschok vom Gründerensemble. Zu hören ist eine Aufnahme vom ehemaligen Sender Radio DDR.

 

Gründungsensemble ganz jung (v.l.n.r. Ingolf Serwuschok, Susan Störel, Uta Serwuschok, Thomas Störel)

Gründungsensemble ganz jung (v.l.n.r. Ingolf Serwuschok, Susan Störel, Uta Serwuschok, Thomas Störel)

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Uta Serwuschok / 18. Aug 2010

Erinnerungen Kabarett zum Brüllen

1993 Latte Macciato in Südafrika und Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk

Wir Ossis erinnern uns noch gut an jene Zeit, als wir für die Freilasssung von Nelson Mandela kämpften. Auf unsere Weise. Wir sangen Lieder, die nur wenige in der Welt hörten, sammelten Altpapier und schrieben viele liebe Briefe an Mandela ins Gefängnis und ganz Fanatische schmierten sich schwarze Schuhcreme ins Gesicht, um die Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Für uns Ossis war Mandela ein Held. Wir schauten zu diesem Kämpfer für das Recht der Schwarzen in Südafrika auf. Nicht jedes Idol, so mussten wir später erfahren, hielt den Erwartungen des Volkes stand. Mandela aber ist einer, der von Arm und Reich gleichermaßen geschätzt wird.

Als er 1990 das Gefängnis verlassen konnte, brach für Südafrika ein neues Zeitalter an. Ich nenne dieses Zeitalter LATTE MACCIATO. Ja, weil die Abschaffung der Apartheid etwas von diesem köstlichen Getränk hat. Man mixt Weiß und Schwarz. Milch mit einem kräftigen Espresso. Wenn sie zusammen verschmelzen, bereiten sie uns den Genuss, der uns manchmal durch den Tag trägt.

Die Abschaffung der Rassentrennung ist aber nicht nur das Ergebnis zweier Männer, die dafür den Friedensnobelpreis bekamen. Ähnlich wie zur Wende in der DDR war die Zeit dafür reif. Dahinter standen ganz knallharte wirtschaftliche Interessen und ein paar ausgeschlafene Köpfe, die wussten, dass die globale Entwicklung nicht funktionieren kann, wenn man fast ein ganzes Volk von Bildung, Wirtschaft oder Umweltpolitik fern hält. Vermutlich hatten die Weißen die Schnauze voll, das Land allein zu regieren. Und außerdem schliefen schon Jahrzehnte heimlich die weißen Witwen mit ihren jungen schwarzen Zugehmännern (Dafür bekam man unter der Apartheid Knast. Da hätte Boris Becker lebenslänglich bekommen.) Und ebenso trugen heimlich schon clevere Schwarze zum wirtschaftlichen Erfolg vieler Firmen bei . Hinzu kamen noch die komischen Verwandten aus Amerika, die dann erzählten, dass man in New York sogar als Schwarzer Anwalt werden kann. Ganz klar waren die Hintergründe objektiver Natur.

Dennoch, jede große Veränderung braucht ihre Idole . Mir ist kein Politiker weltweit bekannt, der so integer ist, wie Nelson Mandela. Wenn der Vatikan sich entschließen könnte, einen ANC-Führer heilig zu sprechen, dann würde irgendwann dies mit Nelson Mandela passieren.

Im Rahmen der Fussballweltmeisterschaft sah ich eine Reportage, die mich sehr an Ost- und Westdeutsche erinnerte. An jene Zeit, als wir uns annäherten. Die Reportage beschäftigte sich mit den Vorteilen der Fussball-WM in Südafrika. Und ganz oben auf der Liste empfanden sowohl Schwarze als auch Weiße es als besonders schön, dass sie gemeinsam auf den vielen Plätzen des Landes saßen, tranken, redeten und die WM-Spiele ansahen.

Annäherung war in diesem Jahr für viele Südafrikaner der eigentliche Gewinn. Denn noch immer stehen schwarze Frauen auf, um einem weißen Mann im Bus Platz zu machen. Das ist so drin! Und es wird wohl noch dauern, bis ein weißer Mann für eine Schwarze aufsteht. Es sei denn, es ist Naomi Campbell. Aber die fährt ja nicht mit dem Bus.

Aber sie trinkt Latte Macciato! :-)

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Uta Serwuschok / 15. Aug 2010

Erinnerungen Kabarett zum Brüllen

1992: Einzug ins “Hinterhoftheater Boccaccio” und ein Dank an Lutz Hilger

Die Nachwendejahre machten vieles möglich und nötig. Wir Ostdeutschen waren auf der Suche nach einer neuen Existenz. Nur wenige konnten dort bleiben, wo sie schon zu DDR-Zeiten waren. So erinnere ich mich, dass viele Philosophen aus meinem Bekanntenkreis extrem umdenken mussten. Sie waren plötzlich Mitarbeiter von Krankenkassen oder Versicherungen und kämpften hart um eine neue berufliche Karriere.  Alles Elitäre aus DDR-Zeiten war verloren und sie stellten sich auf beeindruckende Weise den neuen Verhältnissen. Damals, wenn wir uns trafen und redeten, taten sie mir Leid. Ich sah das alles eher als gesellschaftlichen Abstieg. Heute denke ich, dass sie einen Aufstieg machten. Einen zu ihren menschlichen Qualitäten, denn sie gaben nicht auf und begegneten der neuen Zeit mit Neugier. Wir waren damals alle irgendwie Suchende.

Wir Sanftwütigen zogen von einer Spielstätte zur anderen. Wir fuhren auf kleine Tourneen. Wirklich wie fahrende Leute. Wir saßen selbst am Steuer und machten auch die Technik. Manchmal rannten wir hinter einer Nummer schnell zum Schalter, um das Lichtpult zu bedienen.  Auf dem Rückweg von Gastspielen sangen wir oft im Auto das Lied: “Wenn Musikanten heimwärts fahren”. Und der Refrain geriet immer besonders laut: “Doch Kummer, Kummer, großer Kummer noch sind wir eine kleine Nummer, noch sind wir ein kleine Band, die kaum jemand mit Namen kennt.”

Heute haben wir einen Namen, heute kennt man uns und der erste wichtige Schritt dorthin war ein kleines Theater im Süden von Leipzig. Das “Hinterhoftheater Boccaccio”.

Unser Logo vom Veranstaltungsort "Boccaccio"

Unser Logo vom Veranstaltungsort "Boccaccio"

Viele Menschen sagen ja, es gibt keine Zufälle. Ich beginne trotzdem mit den Worten: durch Zufall kreuzten sich die Wege von mir (Uta) und Lutz Hilger, einem der erfolgreichsten Gastronomen Leipzigs. Sein Name steht hinter dem Leipziger Jazz & Musikclub “SPIZZ”. Dass dieser angesagte Club am Markt eine überaus erfolgreiche Geschichte hat, ist dem künstlerischen Herz und Verstand des Gastronomen Lutz Hilger zu danken.

Wir beide (Lutz und ich) hatten zu DDR-Zeiten den gleichen Arbeitgeber, die “Leipziger Pfeffermühle”.  Lutz führte sehr liebevoll das Pfeffermühlenkneipchen und schaute sich nach der Wende nach einer neuen Herausforderung um. Ich wiederum verließ als Dramaturgin die “Pfeffermühle” weil wir Sanftwütigen uns etablieren wollten.

Eines Tage sprach mich Lutz auf dem “Pfeffermühlen-Hof” an und fragte ganz nebenbei, ob wir nicht Lust hätten, als Sanftwut im Hinterhoftheater Boccaccio zu spielen. Wir dachten, es könnte ja nicht schaden, eine kleine Spielstätte als eine feste Adresse,  zu haben. Und so zogen wir Ende 1992 ein.

Abends 20 Uhr

Abends 20 Uhr

Morgens 6 Uhr

Morgens 6 Uhr

Bis 1997 prägte diese kleine Bühne im Süden unser Gesicht und insbesondere unsere bis zum heutigen Tage anhaltende effektive Theater- und Bühnenarbeit.

Das “Boccaccio” lehrte uns, dem Publikum auf dem Schoß zu sitzen. Um auf die Bühne zu gelangen, mussten wir immer durch den Saal am Publikum vorbei. Wir konnten sozusagen jeden begrüßen. Eine Besonderheit, die bis heute lebendig ist. Berührungsängste hatten keine Chance. Es gab einige Faktoren, die uns abhärteten. So durfte zum Beispiel bei den Vorstellungen geraucht werden! :-( Heute ist das unvorstellbar.

Ihr müsst euch das “Boccaccio” wie ein Wohnzimmer vorstellen. Es war ein gemütlicher Raum. Die Zuschauer saßen in ganz bequemen Sitzgruppen und wir spielten 50 Zentimeter entfernt von ihnen, auf einer winzig kleinen Bühne, wo man sich nur hinter einem kleinen Paravent zur nächsten Nummer umziehen konnte. Wir durften kein Wort hinter der Wand sprechen. Das hätten die Zuschauer gehört. Und von wegen während der Vorstellung pullern gehen… ging nicht. Oder man musste wieder durch den ganzen Saal.

Einmal vergaß Ingolf seine Fanfare mit auf die Bühne zu nehmen. Zu Beginn der Veranstaltung wurde ihm das bewusst und er musste noch mal an allen Leuten vorbei. Es war sehr voll und es war sehr lustig anzusehen, wie Ingolf durch die Massen zurücksprang, um das Instrument zu holen. :-)

Besonders originell war unsere Garderobe im “Boccaccio”. Wir saßen nämlich in einer kleinen Ecke im Getränkelager. Dieser  Aufenthaltsort wurde von den Künstlern scherzhaft “Matte” genannt. Aber, wir bekamen das pralle Leben mit und legten jede Scheu vor den alltäglichen Widrigkeiten ab. Wir sind bodenständig geworden. Das haben wir uns bis zum heutigen Tag erhalten und nicht umsonst sagen die Leute: “Man merkt, das sind welche von uns.”

Ingolf übernahm den Veranstaltungsplan und organisierte auch Gastspiele anderer Ensembles. Viele Leipziger Künstler fanden so eine Spielstätte und als erstes kleines Leipziger Privattheater machte sich das “Boccaccio” bald einen sehr guten Namen.

Und etwas muss insbesondere genannt sein. Die hervorragende Küche, die es unter Lutz Hilger gab. Es duftete aus allen Ecken und ich sehe heute noch, wie Ute, eine der Köchinnen, Suppen zubereitete. Ich hätte stundenlang zusehen und naschen können. Es war einfach ein wunderbares zu Hause für Sanftwut.

1995 wechselte der Besitzer des “Boccaccio” und es wechselten die Prioritäten. In jener Zeit wurde uns bewusst, dass wir etwas Eigenes auf die Beine stellen müssen, damit eine größere Unabhängigkeit erreicht werden kann. Wie wir heute wissen, gelang uns das.

Jetzt aber, bei diesem Blogeintrag des Jahres 1992, sei noch einmal Lutz Hilger gedankt.

Lieber Lutz, man sagt, wenn man ein Haus baut, hängt alles vom Fundament ab. Du hast uns damals die Möglichkeit für ein gutes Fundament gegeben. Es ist vom höchstem Wert und wir hoffen ganz sehr, dass wir dich und deine Frau zu unserem 20jährigen Bestehen in unserem  Theater in der Mädler Passage begrüßen können. Denn nicht nur für die schöne Bühne ist dir zu danken, sondern auch für eine unbeschwerte Zeit, die Freiräume für unsere künstlerische Entwicklung möglich machte.

Deine Sanftwütigen Uta, Ingolf und Thomas

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Uta Serwuschok / 13. Aug 2010

Erinnerungen Kabarett zum Brüllen

1992 Start der Rentenreform: Arbeiten bis zum Umfallen

1992 tritt die erste Stufe der Rentenreform in Kraft. “Arbeiten bis zum Umfallen” heißt jetzt die Devise. In den darauf folgenden Jahren erfolgt die schrittweise Anhebung des Rentenalters auf bis zu 67. Norbert Blüms Versprechen wird zur Steilvorlage für viele Kabarettisten: “Die Rente ist sicher!” Sicher?

Ohne Erich: Margot allein in Chile

Ohne Erich: Margot allein in Chile

Margot Honecker zieht aus Protest nach Chile.

Sanftwut spielt sein 3. Programm “Gunst ist Waffe” in der Besetzung: Margitta Erler, Uta Serwuschok, Ingolf Serwuschok und Thomas Störel.

(v.l.n.r.) Thomas Störel, Margitta Erler, Uta Serwuschok, Ingolf Serwuschok

(v.l.n.r.) Thomas Störel, Margitta Erler, Uta Serwuschok, Ingolf Serwuschok

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Uta Serwuschok / 13. Aug 2010

Erinnerungen Kabarett zum Brüllen

1991 - “Der Besserwessi”, ein Buch von Ingolf und das Wort des Jahres

1991 wird auch das Jahr sein, wo Ingolf gemeinsam mit Christine Dölle ein kleines Büchlein herausbringt.  Es trägt den Titel “Der Besserwessi” und ist eine schöne Sammlung von Witzen zum Verhältnis von Ost und West. Dieses Buch konnte nur entstehen, weil Ingolf, wie viele der Ostdeutschen, zu jener Zeit schlechte Erfahrungen mit westdeutschen Mitbürgern machte. Heute, wo wir uns in dieser Gesellschaft etabliert und eingelebt haben, ist nur noch wenig nachvollziehbar, wie Enttäuschungen unseren Alltag geprägt haben. Denn wie ist es bei großen Umwälzungen? Mit all den guten Dingen, gehen auch die negativen einher. Wir Ossis hatten an den neuen Erfahrungen tüchtig zu knabbern. Dies ersten Jahre waren ein bisschen wie Wildwest und so traf Ingolf den Nerv der Zeit.

Trotzdem alles kunterbunt und rauf und runter lief, verlor sich eine Idee immer mehr: die einer eigenständigen ostdeutschen Entwicklung. Ob beim Aufbau der Infrastruktur, der Städtearchitektur, der Bildung oder des Einzelhandels. Wir Ossis bekamen deutlich das westdeutsche Modell übergestülpt. Wobei nicht immer von einem Vorsatz auszugehen war. Zu rasant war die Entwicklung und eigene Ideen werden sich später ihren Weg bahnen. 

Dennoch, ein kleiner Teil der Bevölkerung im Osten erhielt sich das eigenständige Denken. Ingolf konnte das deutlich bei der Suche nach einem Verlag für den “Besserwessi” erfahren. Während einige renommierte Verleger ängstlich oder verunsichert  reagierten, erklärte sich ein kleiner Verlag bereit, die Herausgabe zu übernehmen. Es war der Forum-Verlag, Leipzig. Ihm und seinem damaligen Chef Rolf Sprink sei auf diesem Wege noch einmal gedankt.

Und mir sei eine persönliche Erinnerung gestattet: Ingolf hatte mit viel Freude und Engagement an diesem Büchlein gearbeitet und er lief dann treppauf und treppab nach einem Verlag. Auch Menschen, die wir kannten und von denen wir glaubten, sie seien locker, reagierten mit Ablehnung. Der Forum-Verlag war dann die eigentlich große Überraschung, denn wir glaubten nicht, dass sich jener Verlag, mit seinen ja nachweislich revolutionären Hintergrund, eines solchen Büchleins annahm. Als der “Besserwessi” gedruckt war, ging Ingolf mit mit einigen Exemplaren über die Leipziger Buchmesse. Eher entspannt, denn sein Buch war auf dem Verlagsstand vertreten und er musste keine Klinken mehr putzen. Auf seinem Gang durch die Messehallen kam er auch an einem Stand vorbei, wo ein Verleger sich aufhielt, der das Buch abgelehnt hatte. Für mich ist unvergessen, wie Ingolf, auf dem Boden sitzend und aus seiner Tasche kramend, das frisch gedruckte Büchlein rausholte und es dem verdatterten Verleger voller Stolz in die Hand drückte. Ein wirklich schöner Moment. (Als PS muss man anmerken, dass dieser Verleger heute ein echter Freund von uns Sanftwütigen ist. So ändern sich die Dinge.)

Es soll auch erwähnt sein, dass der “Besserwessi” ein großer Verkaufserfolg und das Stammkapital von “Sanftwut” wurde. Selbst der “Spiegel” veröffentlichte einen großen Artikel zur Bucherscheinung.

Das Wort “Besserwessi” wird auch das Wort des Jahres 1991.

1991 ist auch das Jahr, wo Sanftwut in neuer Besetzung spielt. Für Susan Störel kommt Margitta Erler. Es entsteht das Programm: “Demokratisch, aber glücklich”.

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