Die Nachwendejahre machten vieles möglich und nötig. Wir Ostdeutschen waren auf der Suche nach einer neuen Existenz. Nur wenige konnten dort bleiben, wo sie schon zu DDR-Zeiten waren. So erinnere ich mich, dass viele Philosophen aus meinem Bekanntenkreis extrem umdenken mussten. Sie waren plötzlich Mitarbeiter von Krankenkassen oder Versicherungen und kämpften hart um eine neue berufliche Karriere. Alles Elitäre aus DDR-Zeiten war verloren und sie stellten sich auf beeindruckende Weise den neuen Verhältnissen. Damals, wenn wir uns trafen und redeten, taten sie mir Leid. Ich sah das alles eher als gesellschaftlichen Abstieg. Heute denke ich, dass sie einen Aufstieg machten. Einen zu ihren menschlichen Qualitäten, denn sie gaben nicht auf und begegneten der neuen Zeit mit Neugier. Wir waren damals alle irgendwie Suchende.
Wir Sanftwütigen zogen von einer Spielstätte zur anderen. Wir fuhren auf kleine Tourneen. Wirklich wie fahrende Leute. Wir saßen selbst am Steuer und machten auch die Technik. Manchmal rannten wir hinter einer Nummer schnell zum Schalter, um das Lichtpult zu bedienen. Auf dem Rückweg von Gastspielen sangen wir oft im Auto das Lied: “Wenn Musikanten heimwärts fahren”. Und der Refrain geriet immer besonders laut: “Doch Kummer, Kummer, großer Kummer noch sind wir eine kleine Nummer, noch sind wir ein kleine Band, die kaum jemand mit Namen kennt.”
Heute haben wir einen Namen, heute kennt man uns und der erste wichtige Schritt dorthin war ein kleines Theater im Süden von Leipzig. Das “Hinterhoftheater Boccaccio”.

Unser Logo vom Veranstaltungsort "Boccaccio"
Viele Menschen sagen ja, es gibt keine Zufälle. Ich beginne trotzdem mit den Worten: durch Zufall kreuzten sich die Wege von mir (Uta) und Lutz Hilger, einem der erfolgreichsten Gastronomen Leipzigs. Sein Name steht hinter dem Leipziger Jazz & Musikclub “SPIZZ”. Dass dieser angesagte Club am Markt eine überaus erfolgreiche Geschichte hat, ist dem künstlerischen Herz und Verstand des Gastronomen Lutz Hilger zu danken.
Wir beide (Lutz und ich) hatten zu DDR-Zeiten den gleichen Arbeitgeber, die “Leipziger Pfeffermühle”. Lutz führte sehr liebevoll das Pfeffermühlenkneipchen und schaute sich nach der Wende nach einer neuen Herausforderung um. Ich wiederum verließ als Dramaturgin die “Pfeffermühle” weil wir Sanftwütigen uns etablieren wollten.
Eines Tage sprach mich Lutz auf dem “Pfeffermühlen-Hof” an und fragte ganz nebenbei, ob wir nicht Lust hätten, als Sanftwut im Hinterhoftheater Boccaccio zu spielen. Wir dachten, es könnte ja nicht schaden, eine kleine Spielstätte als eine feste Adresse, zu haben. Und so zogen wir Ende 1992 ein.

Abends 20 Uhr

Morgens 6 Uhr
Bis 1997 prägte diese kleine Bühne im Süden unser Gesicht und insbesondere unsere bis zum heutigen Tage anhaltende effektive Theater- und Bühnenarbeit.
Das “Boccaccio” lehrte uns, dem Publikum auf dem Schoß zu sitzen. Um auf die Bühne zu gelangen, mussten wir immer durch den Saal am Publikum vorbei. Wir konnten sozusagen jeden begrüßen. Eine Besonderheit, die bis heute lebendig ist. Berührungsängste hatten keine Chance. Es gab einige Faktoren, die uns abhärteten. So durfte zum Beispiel bei den Vorstellungen geraucht werden!
Heute ist das unvorstellbar.
Ihr müsst euch das “Boccaccio” wie ein Wohnzimmer vorstellen. Es war ein gemütlicher Raum. Die Zuschauer saßen in ganz bequemen Sitzgruppen und wir spielten 50 Zentimeter entfernt von ihnen, auf einer winzig kleinen Bühne, wo man sich nur hinter einem kleinen Paravent zur nächsten Nummer umziehen konnte. Wir durften kein Wort hinter der Wand sprechen. Das hätten die Zuschauer gehört. Und von wegen während der Vorstellung pullern gehen… ging nicht. Oder man musste wieder durch den ganzen Saal.
Einmal vergaß Ingolf seine Fanfare mit auf die Bühne zu nehmen. Zu Beginn der Veranstaltung wurde ihm das bewusst und er musste noch mal an allen Leuten vorbei. Es war sehr voll und es war sehr lustig anzusehen, wie Ingolf durch die Massen zurücksprang, um das Instrument zu holen.
Besonders originell war unsere Garderobe im “Boccaccio”. Wir saßen nämlich in einer kleinen Ecke im Getränkelager. Dieser Aufenthaltsort wurde von den Künstlern scherzhaft “Matte” genannt. Aber, wir bekamen das pralle Leben mit und legten jede Scheu vor den alltäglichen Widrigkeiten ab. Wir sind bodenständig geworden. Das haben wir uns bis zum heutigen Tag erhalten und nicht umsonst sagen die Leute: “Man merkt, das sind welche von uns.”
Ingolf übernahm den Veranstaltungsplan und organisierte auch Gastspiele anderer Ensembles. Viele Leipziger Künstler fanden so eine Spielstätte und als erstes kleines Leipziger Privattheater machte sich das “Boccaccio” bald einen sehr guten Namen.
Und etwas muss insbesondere genannt sein. Die hervorragende Küche, die es unter Lutz Hilger gab. Es duftete aus allen Ecken und ich sehe heute noch, wie Ute, eine der Köchinnen, Suppen zubereitete. Ich hätte stundenlang zusehen und naschen können. Es war einfach ein wunderbares zu Hause für Sanftwut.
1995 wechselte der Besitzer des “Boccaccio” und es wechselten die Prioritäten. In jener Zeit wurde uns bewusst, dass wir etwas Eigenes auf die Beine stellen müssen, damit eine größere Unabhängigkeit erreicht werden kann. Wie wir heute wissen, gelang uns das.
Jetzt aber, bei diesem Blogeintrag des Jahres 1992, sei noch einmal Lutz Hilger gedankt.
Lieber Lutz, man sagt, wenn man ein Haus baut, hängt alles vom Fundament ab. Du hast uns damals die Möglichkeit für ein gutes Fundament gegeben. Es ist vom höchstem Wert und wir hoffen ganz sehr, dass wir dich und deine Frau zu unserem 20jährigen Bestehen in unserem Theater in der Mädler Passage begrüßen können. Denn nicht nur für die schöne Bühne ist dir zu danken, sondern auch für eine unbeschwerte Zeit, die Freiräume für unsere künstlerische Entwicklung möglich machte.
Deine Sanftwütigen Uta, Ingolf und Thomas
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