Sehr geehrter Herr Köhler,
viele Menschen in diesem Land sagen zu Ihrem Rücktritt, sie hätten vor Ihrem Schritt Respekt. Ich habe damit ein Problem. Denn Sie verlassen das Land in einer Zeit, in der wir in erster Linie Vertrauen brauchen. Vertrauen in die Kritikfähigkeit und Zuverlässigkeit eines Menschen. Als oberster Repräsentant dieses Staates scheint es angebracht, dass persönliche Empfindlichkeiten als zweitrangig gelten.
Ich habe mir die kritischen Einwürfe der Opposition angesehen und angehört und kann nichts Verletzendes daran finden. Denn was Sie in dem umstrittenen Interview gesagt haben, kann, werter Herr Köhler, von vielen Menschen auch missverstanden werden. Warum klärt man es nicht einfach und warum zeigt man nicht, dass es zum Amt gehört, auch streitbar zu sein.
Dieser Rückzug macht mich wütend, weil er kostbare Zeit in Anspruch nimmt und den Staat Geld kostet. Aber viel schlimmer daran ist, dass der Souverän (wie man das Volk nennt) nicht zurück treten kann. Viele Menschen haben weit mehr auszuhalten, als Sie, werter Herr Köhler. Wir können nicht einfach sagen, wir haben keine Lust mehr. Ein Rücktritt käme dem Rücktritt vom Leben gleich. Das Volk hält durch. Sie haben dies leider nicht getan. Dem Volk wird weit mehr zugemutet, als Ihnen. Und wie wir wissen, steht die größte Zumutung uns noch ins Haus. Das Sparprogramm wird viel abfordern. Aber das Volk hat sich darauf eingerichtet. Mit Frust, aber auch mit Überlebenswillen und sehr viel Humor.
Wir erleben das jeden Abend auf der Bühne. Wir sagen Dinge, die eigentlich böse sind und auf eine unangenehme Realität verweisen. Aber die Leute lachen. Wohl wissend, worüber. Das liegt daran, dass sich die Menschen nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Sie kämpfen um ihre Existenz, und sei sie auch noch so klein. Sie, Herr Köhler, haben auch gekämpft. Um Ihr Ansehen und auch um Ihr Ego. Denn hätten Sie das Volk und seine Lebenssituation im Auge gehabt, wäre Ihnen bewusst geworden, wie klein Ihr Problem eigentlich ist.
Das Volk wird bei solchen Entscheidungen nie gehört und hätte doch so sehr verdient, dass Sie ihm in dieser Zeit zur Seite stehen.
Nun wird Frau von der Leyen für dieses Amt hoch gehandelt. Egal, wer es am Ende wird, ich wünsche mir, dass man in Achtung vor dem, was das Volk leistet, eine größere Widerstandskraft gegenüber kritischen Äußerungen zeigt.
Mir fällt zum Abschluss noch eine geschichtliche Überlieferung ein. Als der 2. Weltkrieg London erreichte, wurde dem englischen Königshaus angeboten, die Stadt zu verlassen. Die, in ihren letzten Lebensjahren, häufig belächelte Queen Mum (was für eine Figur in der Weltgeschichte) entschied damals, in der Stadt zu bleiben und begab sich sogar unter das Volk. Auch in Zeiten größter Angriffe auf die englische Monarchie der Neuzeit blieb Queen Mum unantastbar. Die Engländer haben ihrer alten Lady nie vergessen, dass sie in schwersten Zeiten ihr Volk nicht verlassen hat.
Mit besten Grüßen
Uta Serwuschok, die Sie als Bundespräsident immer mochte und mit dieser, Ihrer Entscheidung, sehr hadert.